Zwei „Geflügel“-Schlachtfabriken von Tierbefreiungsaktivist_innen BLOCKUPYrt

- ein Aktionsbericht -

Als am 19. Mai 2014 gegen 11:00 Uhr, nach etwa fünfeinhalb Stunden Blockade der Zufahrtswege zu Europas größter „Geflügel“-Schlachtfabrik in Wietze (Niedersachsen) acht Tiertransporter an der zu dieser Zeit teils geräumten Blockadeaktion an der Hauptzufahrt vorbei und in den Schlachthof fuhren, machte sich Wut und Traurigkeit bei den Aktivist*innen des Bündnisses für Tierbefreiung breit. Die Machtverhältnisse, die von der Klasse der Kapitalist*innen dominiert werden, wurden einmal mehr spürbar und sichtbar. Stundenlang konnte zuvor das gestoppt werden, was sonst dort das alltägliche, ganz normale Inferno ist: die Makrogewalt der Schlachtfabrik, deren Wertsteigerung auf dem optimierten Management der Massentötung von Tieren, der Ausbeutung der dort arbeitenden Menschen und der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen beruht. Laut Angaben eines Cops soll der Schlachtfabrik der Rothkötter-Tochter „Celler Land Frischgeflügel GmbH“ in Wietze 50.000 Euro Profitverlust durch die Aktion entstanden sein. Tiertransporter konnten für die Zeit der Blockade den Schlachthof nicht anfahren. Ein Arbeiter berichtete darüber, dass alle 700 Arbeiter*innen in der sogenannten „Schlachtlinie“ und in anderen Bereichen ihre Arbeit nicht aufnehmen konnten. Und Kühltransporter konnten die Ware Fleisch nicht an Kunden liefern. Einige Beschäftigte kamen mit den Blockierer*innen ins Gespräch, es gab auch Zustimmung zur Aktion wie auch von Anwohner*innen, die an die Blockadestelle gekommen waren, und vereinzelt auch von Polizeibeamt*innen. Trotzdem machten sie unter dem Druck des Kapitals mit, räumten die Blockade bzw. fuhren mit ihrer gewaltförmigen Arbeit fort, Hühner für das Verwertungsinteresse von Rothkötter in den Schlachthof zu fahren und zu töten. Etwa 10.000 Hühner waren es allein in den acht Transportern. Normalerweise fahren zu dieser Zeit stündlich an die fünfzehn Transporter den Schlachthof an und werden drei Tiere sekündlich getötet, 1,3 Mio pro Woche.
Damit blieb die Aktion trotz ihrer zeitlichen Begrenztheit nicht rein symbolisch und appellativ, sondern konnte materiell den Produktions- bzw. Tötungsablauf stören und die Profite schmälern, die das Motiv für die Gewalthandlungen gegenüber Tieren, für die Ausbeutung der Arbeitenden und die Schädigung der natürlichen Lebensgrundlagen bilden. Die kapitalistischen Verhältnisse und ihre negativen Effekte verschlimmern sich in diesen Zeiten der Krise des Kapitalismus und der von den führenden Regierungen Europas den Menschen aufgezwungenen Troika-Politik und anderen einschneidenden Maßnahmen, die die Herrschaftsverhältnisse stabilisieren und fortführen sollen. Weltweit stellen sich jedoch immer mehr Menschen gegen diese Entwicklung und ihre Ursachen. Das kapitalistische Geschäftstreiben zu blockieren, nicht mitzumachen, den Machteliten gegenüber ungehorsam zu sein und auch durch direkte, widerständige Aktionen sich den Ausbeutungs-, Zerstörungs- und Verelendungsprozessen in den Weg zu stellen, hat sich unter anderem das Blockupy-Bündnis zur Aufgabe gemacht. Die Blockadeaktionen gegen die Schlachtfabrik in Wietze wie auch die zeitgleich durch das Aktionsbündnis Mastanlagen Widerstand errichteten Blockaden beim Wiesenhof-Schlachthof in Möckern (Sachsen-Anhalt) fanden im Rahmen der europaweiten Mai-Aktionstage von Blockupy statt. Das Bündnis für Tierbefreiung wie auch das Aktionsbündnis Mastanlagen Widerstand sehen sich als Teil der emanzipatorischen Kämpfe, die eine radikale Veränderung der Gesellschaft herbeiführen wollen, in der wahre Bedürfnisse, nicht Wachstum und Gewinn zur Grundlage des Handelns gemacht werden und in der alle – ob Mensch oder Tier – in Freiheit und gegenseitigem Respekt leben können. Hierfür muss das Schlachten beendet und der Schlachtbetrieb eingestellt werden.

„Schlachthöfe BLOCKUPYieren und in herrschaftsfreie Arbeitsstätten umwandeln!“ stand dementsprechend als dringliche Forderung und Ziel auf einem Schild, das von innen an das Heckfenster des Autos angebracht war, das am Montag gegen 05:30 Uhr den Hauptzufahrtsweg (Westtor) der Rothkötter-Schlachtanlage in Wietze blockierte. In dem Wagen hatten sich zwei Aktivistinnen mit ihren Armen in zwei Rohren eines Betonklotzes, der in dem Auto eingelassen war und auf der Straße aufsetzte, mit Schlössern festgekettet. Andere Infoschilder am Auto setzten an dem Blockupy-Hashtag Solidarität an und forderten diese für alle Unterdrückten und Ausgebeuteten – Menschen wie Tiere – ein oder machten nochmals darauf aufmerksam, dass hinter der Ausbeutung das Kapital steht. Auch wurden mit Farbe und Pinsel Botschaften auf dem Auto hinterlassen wie „Freiheit für alle!“. Ein besonderes Schild, das hinter dem Scheibenwischer des Wagens geklemmt war, richtete sich an den Kooperationspartner des Kapitals, an das LKA, das vor zwei Jahren den Polizeispitzel Ralf Gross in die Aktionsgruppe einschleuste, mit dessen Hilfe die Polizei die ersten zwei geplanten Blockadeaktionen in Wietze im vergangenen Jahr verhinderte.
Die Blockade wurde am Hauptzufahrtsweg verstärkt durch einen Aktivisten, der sich mit seinem Hals und einem Bügelschloss an eine herangefahrene Sattelzugmaschine hängte und diese damit auf der Höhe der Blockade stoppte und als Blockademittel einsetzte. Die Ankettung an einen Entsorgungstransporter auf der anderen Seite der Zufahrt misslang später, als der Fahrer trotz des Einsatzes von Aktivist*innen und anderer Personen, die sich ihm in den Weg stellten, weiterfuhr und die Security-Mitarbeiter des Rothkötter-Konzerns die Aktivist*innen wegzerrten. Die nicht-angeketteten Aktivist*innen blockierten den Hauptzufahrtsweg die Zeit über mit Transparenten, auf denen zum Beispiel zu lesen war „Rothkötter macht mit: Zerstörung von Mensch, Tier und Natur im Akkord!“ und „Umweltzerstörung und Tierausbeutung unmöglich machen“. Andere Aktive unterstützten die Festgeketteten als Bezugspersonen, dokumentierten die Aktion, hielten den Kontakt zum EA aufrecht oder waren als Ansprechpartner*innen für die Polizei, für die Arbeiter*innen und für die Medien, die ab etwa 10:30 Uhr vor Ort waren, tätig. Als kurz nach ihrem Eintreffen die nicht-angeketteten Aktivist*innen von der Polizei geräumt werden sollten, bildeten diese spontan eine Sitzblockade, die schließlich von der Polizei unter den Sprechchören der Blockierer*innen gewaltsam aufgelöst wurde.
Der Schlachthof konnte nur dadurch effektiv blockiert werden, dass zeitgleich an der Nebenzufahrt (Osttor) ebenfalls eine Blockadeaktion stattfand. Dort hatten sich zwei Aktivisten mit ihren Armen in Rohren mittels Schlössern befestigt, die in einem Betonfass eingebracht waren, auf dem „Tiere sind keine Ware“ geschrieben stand. Zusätzlich wurde das Tor mit einer Kette verschlossen. Auch hier nahmen Aktivist*innen an der Blockadeaktion teil, die unterstützende Aufgaben übernommen hatten.
Die Blockade am Osttor wurde gegen 11:00 Uhr durch das Eingreifen der Technischen Einheit der Polizei und des Einsatzes eines Krans, mit dem das Betonfass angehoben wurde, beendet – dies unter einem erheblichen Risiko für die Angeketteten, sich dabei zu verletzen. Der Aktivist, der sich am Westtor an den Sattelauflieger angekettet hatte, wurde zuvor bereits mit einem hydraulischen Bolzenschneider entfernt. Zuletzt wurde, nach einigen Beratungen der Technischen Einheit, am Westtor das Auto mit dem Betonklotz und den zwei Angeketteten mittels Spanngurten, die unter den Klotz und über das Auto gezogen wurden und unter das Auto angebrachte Rollen von Polizeikräften von der Straße geschoben. Gegen 12:30 Uhr, sieben Stunden nach Aktionsbeginn, war die Blockadeaktion durch die Polizei gestoppt und das Töten und die Ausbeutung in der Schlachtfabrik ging nun ungehindert von statten.

In Möckern blockierten 40 Aktivist*innen ebenfalls die Zufahrtswege der Schlachtfabrik, die dort der PHW Gruppe (Marke Wiesenhof) gehört. Sechs der Aktivist*innen waren an drei Betonfässer gekettet. Weitere Aktivist*innen kletterten auf Traversen (quer gespannte Seile) zwischen den Bäumen an den Zufahrten, um die Durchfahrt der LKWs zu verhindern. Rund um die Schlachtfabrik in Möckern befinden sich eine Brüterei der PHW Gruppe und ca. 40 Mastanlagen, die als Zuliefererbetriebe für die Schlachtfabrik dienen. Dieser Ort, der das ganze brutale Ausmaß der systematischen Fleischproduktion verdeutlicht, stellte für die Aktivist*innen einen geeigneten Ort da, um mit ihrer Blockadeaktion auf den fatalen Umgang von Menschen mit Tieren aufmerksam zu machen. „Wenn sich 40 Menschen in diesem Moment dem Schlachtbetrieb und dem weiteren Töten in den Weg stellen, können sie für einen Moment eine Maschinerie aufhalten, die im Akkord Lebewesen tötet und zur Ware, zum Produkt machen soll, hieß es in einem Redebeitrag der Aktivist*innen.
Während sich Wiesenhof nicht zur Blockade äußerte, kündigten die Polizeikräfte bereits kurz nach der Ankunft an der Schlachtfabrik an, ein Eingreifen nicht für notwendig zu erachten. Entgegen dieser Aussage wurden elf Polizeiwägen mit Räumgeräten und 120 Polizist*innen an den Protestort gebracht. Nach ca. neun Stunden begann die Polizei schlussendlich mit der gewaltvollen Räumung. Die Unterstützer*innen der blockierenden Aktivist*innen wurden wiederholt nach ihren Personalien befragt, akribisch abgefilmt und erhielten bei Beginn der Räumung mündliche Platzverweise für das gesamte Stadtgebiet Möckern.

Schlachthöfe gehören zu den Orten, an denen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die ihnen anhaftende Ausbeutung und Gewalt und deren Verschärfung angesichts der gegenwärtigen Krise gegenüber den betroffenen Tieren und Menschen sowie der Natur brachial durchgesetzt werden. Im Zuge der Durchsetzung der Profitinteressen der sogenannten „Nutztier“-Industrien wie beispielsweise der „Geflügel“-Wirtschaft und der Kapitalkonzentration wurde ein System geschaffen, innerhalb dessen alle Vernutzungsprozesse in den Brütereien, den Mastanlagen, dem Transport bis hin zu den Schlachtfabriken rationalisiert, intensiviert, noch effizienter und damit gewinnbringend für die hinter diesem System stehenden Konzerne wie die Rothkötter Unternehmensgruppe und die PHW Gruppe gestaltet wurden – mit furchtbaren Auswirkungen für Tier, Mensch und Natur: Das Leid der Tiere, das ihnen durch ihre Gefangenhaltung, ihre gewaltsame, farbrikmäßige Zucht und Mast, ihren Transport zu den Schlachthöfen nach einem Monat Leben und ihre Tötung in der Schlachtfabrik entsteht, ist unerträglich und nicht zu beschreiben (Die Haltung und Tötung der Tiere unter sogenannten extensiven Bedingungen in der „bäuerlichen Landwirtschaft“ oder in „Bio-Höfen“ und „Hausschlachtungen“ und ähnlichem, ändern übrigens nichts an dem Unrecht des gewaltsamen Eingreifens in das Leben der Tiere, der Aufhebung ihrer Selbstbestimmung und Freiheit und letztlich nichts an ihrer Tötung und werden von dem Bündnis für Tierbefreiung nicht minder scharf kritisiert und abgelehnt.). Die Belastung der in den Betrieben arbeitenden Menschen, ihre intensivierte Ausbeutung und Entfremdung durch Niedriglöhne, durch ihre Beschäftigung mittels teilweise nur Werkverträgen, durch ihre arbeitsteiligen Handlungen vom Töten, Zerlegen, Be- und Entladen bis hin zum Transport im Akkord und durch das von ihnen geforderte Sich-unempfindlich-Machen gegenüber dem Leid der Tiere ist immens. Nicht minder repressiv sind die mit der Fleischproduktion verbundenen Herrschaftsverhältnisse gegenüber Menschen aus kolonialistisch unterworfenen Ländern. Nicht zuletzt machen sich auch die negativen Auswirkungen der industriellen Tierhaltung für die Umwelt und das Klima durch Treibhausgasemissionen, Wasserverschmutzung und genmanipulierte Futtermittel verstärkt bemerkbar.
Es sind somit alle emanzipatorischen Bewegungen und politischen Kämpfe aufgerufen, sich dem Widerstand anzuschließen, die Proteste fortzuführen und gemeinsam daran zu arbeiten, Schlachthäuser, Ställe und andere Tierausbeutungsbetriebe in gewalt- und herrschaftsfreie Räume umzuwandeln, in denen keine Tiere gefangen gehalten, vernutzt und getötet und keine Menschen ausgebeutet werden, sondern in denen Menschen nach ihren wahren Bedürfnissen, selbstorganisiert und mit Hilfe des gemeinsamen Besitzes an den Produktionsmitteln arbeiten, ohne dabei die Umwelt zu zerstören und Tiere zu benutzen!

Bündnis für Tierbefreiung


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